Iwan Sergejewitsch Turgenew (auch Turgenjew oder Turgenev, * 9. November 1818 bei Orjol † 3. September 1883 in Bougival bei Paris) war ein russischer Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des russischen Realismus. Von 1863 bis 1870 hatte Turgenew seinen festen Wohnsitz in Baden-Baden. Er residierte in der Villa Turgenew in der Fremersbergstraße. Im Jahr 2000 wurde in der Lichtentaler Allee zu seinem Andenken ein Denkmal errichtet.
Leben
Turgenew wurde am 9. November 1818 auf dem elterlichen Gut Spasskoje bei Orjol in Russland geboren. Seine Familie entstammte einem alten Adelsgeschlecht und war sehr wohlhabend. Auf dem Gut arbeiteten mehrere tausend Leibeigene. An die Lebensumstände dieser Leibeigenen und an seine Kindheit erinnert sich Turgenjew später: “Ich wurde geboren und wuchs auf in einer Atmosphäre, wo Faustschläge, Tritte, Prügel, Ohrfeigen und ähnliches an der Tagesordnung waren. Auch ich wurde für jede Kleinigkeit fast täglich verprügelt.“[1]
Zuerst wurde Turgenew auf dem elterlichen Gut von Privatlehrern unterrichtet. Ab 1827 besuchte er ein Pensionat in Moskau und beschäftigte sich dort intensiver mit der europäischen Kultur. Ab 1833 studierte er Literatur, zuerst in Moskau, dann von 1834 bis 1837 in Sankt Petersburg. Danach reiste er für weitere Studien nach Berlin und Heidelberg.
Im Jahr 1843 traf er in St. Petersburg erstmals auf die Sopranistin Pauline Viardot-Garcia. Es entwickelte sich eine langjährige Liebschaft. Nach dem Tod seiner Mutter übernahm Turgenew das Gut und gab die Leibeigenen frei.
Das Erscheinen seines Werks “Aufzeichnungen eines Jägers” 1852 brachte Turgenew erste Bekanntheit ein. In den Erzählungen zeichnet er ein realistisches Bild der Lebensumstände der russischen Landbevölkerung und deren Ausbeutung durch die adeligen Gutsbesitzer. Vermutlich war die Veröffentlichung nur durch ein Versehen der Zensurbehörden möglich geworden. Im gleichen Jahr wurde Turgenew wegen der unerlaubten Veröffentlichung eines Nachrufs auf den Tod Gogols verhaftet und für anderthalb Jahre auf sein Gut verbannt.
Im Jahr 1855 reiste er nach Paris zu seiner Geliebten. Er kehrt nur noch gelegentlich nach Russland zurück. Die Veröffentlichung seines Romans “Väter und Söhne” 1862 führte zu kontroversen Diskussionen in Russland.
In Baden-Baden
Als die Familie Viardot 1863 nach Baden-Baden zog, ließ sich auch Turgenew in der Stadt an der Oos nieder. Zuerst wohnte er in der Schillerstraße 17, dann erwarb er das Grundstück neben dem Landhaus der Viardots an der heutigen Fremersbergstraße, wo von 1864 bis 1867 die Villa Turgenew entstand.[2]
Turgenew gehörte damit zur großen russischen Kolonie der Kurstadt. Das Haus der Viardots mit seinem Konzert- und Theatersaal wurde zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt für Künstler und Kurgäste. In diesen Jahren entstand auch Turgenews Roman „Rauch” (russisch „Dym”), der 1867 erschien. Er spielt in Baden-Baden und zeichnet ein kritisches Bild der russischen Gesellschaft und des Treibens am Spieltisch der Kurstadt.[3]
Im Sommer 1867 kam es in Baden-Baden zu einer Begegnung mit Fjodor Dostojewski, die im Zerwürfnis endete. Hinter dem persönlichen Streit stand ein weltanschaulicher Gegensatz: Turgenew war ein überzeugter Westler, Dostojewski ein Verfechter eines eigenständigen russischen Wegs.[4]
Auch dem Schachspiel war Turgenew zugetan. 1870 gehörte er zu den Organisatoren des internationalen Schachturniers in Baden-Baden.[5]
Nach dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs 1870 folgte er den Viardots zuerst nach London, später nach Bougival bei Paris, wo er 1883 an Rückenmarkkrebs starb.
Quellen
- Turgenew in der deutschen Wikipedia
Einzelnachweise:
- ↑ Klaus Dornacher (Hrsg.): Turgenjew für unsere Zeit. Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar 1989, S.XXIV.
- ↑ Andrea Hahn: Russische Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Baden-Württemberg. (Archiviert)
- ↑ Rauch (Roman) in der deutschen Wikipedia.
- ↑ Duell in Baden-Baden – Die innige Feindschaft zwischen Dostojewski und Turgenjew (ARD Audiothek). (Archiviert)
- ↑ Iwan Sergejewitsch Turgenew in der deutschen Wikipedia.
