Person

Hector Berlioz

Hector Berlioz, Porträtfotografie von Pierre Petit.
Hector Berlioz, Porträtfotografie von Pierre Petit.

Hector Berlioz (* 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André; † 8. März 1869 in Paris) war einer der bedeutendsten französischen Komponisten und Dirigenten des 19. Jahrhunderts und gilt als Begründer der Programmmusik. Während ihm die künstlerische Anerkennung in Frankreich zu Lebzeiten weitgehend verwehrt blieb, fand er im deutschsprachigen Raum früh Beachtung. Zwischen 1853 und 1863 war er als Dirigent und musikalischer Leiter der „grands concerts" eng mit Baden-Baden verbunden, wo er auf Einladung des Spielbankpächters Edouard Bénazet regelmäßig eigene und fremde Werke aufführte.

Bezug zu Baden-Baden

Das Engagement in und für Baden-Baden im Jahrzehnt zwischen 1853 und 1863 half dem in seiner Heimat verkannten Berlioz, aus seiner künstlerischen Isolation herauszutreten. Als „Sommerhauptstadt Europas" bot ihm der Kurort die Gelegenheit, eigene Werke vom Frühwerk bis hin zu Uraufführungen einem internationalen Publikum einschließlich des Tout-Paris zu präsentieren.

Bereits 1844 war Berlioz mit „La Damnation de Faust" in Baden-Baden erwartet worden – angekündigt als „concert-monstre" mit über 300 Musikern –, musste seine Teilnahme jedoch aus gesundheitlichen Gründen absagen. Die nächste Gelegenheit ergab sich erst neun Jahre später, als Edouard Bénazet, Sohn des Spielpächters, die Institution des „grand concert" begründete.

Édouard Bénazet als Förderer

Bénazet wurde zu einer der wichtigsten Personen im Leben Berlioz’ und zu seinem wohl bedeutendsten Förderer. Berlioz rühmte dessen großzügiges Mäzenatentum – ihm sei „carte blanche" gewährt worden – in einem Feuilletonartikel im „Journal des débats"; seine private Korrespondenz belegt, dass diese hohe Meinung echt war. Das Verhältnis war jedoch kein reines Mäzenatentum, sondern auch eine Geschäftsbeziehung: Berlioz investierte viel Zeit in Organisation und Proben, während Bénazet auf die wohlwollende Berichterstattung des einflussreichen Kritikers zählen konnte.

Für Berlioz brachten die Engagements regelmäßiges Zusatzeinkommen, kontinuierlichen Kontakt zur deutschen Musikwelt und die Möglichkeit, sein Geltungsbedürfnis zu stillen. Seine Auswahl als Leiter beruhte nicht zuletzt auf seinem Erfolg im deutschsprachigen Raum und seinen Kenntnissen der deutschen Musik.

Die Konzerte und ihre Programme

Bis einschließlich 1861 organisierte und dirigierte Berlioz sieben „grands concerts". Über mehrere Wochen arbeitete er dabei eng mit dem Badeorchester und den Chören zusammen, die – mit Ausnahme einiger böhmischer und Straßburger Musiker – ausschließlich deutsch besetzt waren: die Instrumentalisten vor allem aus dem Karlsruher Hoftheater, die Chöre aus Karlsruhe. Der sonst schwermütige und gesundheitlich angeschlagene Berlioz lief in Baden-Baden zur Hochform auf und war von den Musikern begeistert („Oh comme mon orchestre chantait!") – bemerkenswerterweise, obwohl er selbst „kein Wort Deutsch" verstand. 1857 vertraute er dem Ensemble das „Judex crederis" aus seinem „Te Deum" an.

Die Programme waren international geprägt und bevorzugten das deutsche Element sogar: Im Konzert vom 27. August 1858 stammte etwa die Hälfte der Werke aus dem deutschen Repertoire, mit Weber und Beethoven an exponierten Stellen. Berlioz beschränkte sich dabei meist auf Mozart, Beethoven, Weber und Gluck; die Mozart-Opern wurden in französischer Fassung gegeben, Webers „Freischütz" hingegen im Original. Auffällig ist, dass er die ihm eigentlich nahestehenden „Zukunftsmusiker" Franz Liszt und Richard Wagner sowie Robert Schumann bewusst ausschloss – vermutlich, um dem internationalen Elitepublikum zu gefallen und Konkurrenz für seine eigenen Werke zu vermeiden, die stets großen Raum einnahmen.

Uraufführung von Fragmenten aus „Les Troyens"

Der künstlerische Höhepunkt der Baden-Badener Jahre war 1859 die Uraufführung von Fragmenten aus seiner Oper „Les Troyens" (Die Trojaner) – die Pariser Bühne erreichte das Werk erst 1863. Mit dem Festival von 1861 endete Berlioz’ Engagement als Baden-Badener Musikdirektor. Als das „grand concert" 1865 wieder stattfand, musste der zunehmend von Krankheiten gezeichnete Komponist den Dirigentenstab seinem engen Freund Ernest Reyer überlassen.

Leben

Berlioz wurde 1803 als Sohn eines Arztes in La Côte-Saint-André geboren. Nach den Vorstellungen seines Vaters sollte er Medizin studieren und begann das Studium auch 1821 in Paris, beschäftigte sich dort jedoch zunehmend mit Musik, besuchte ständig die Oper und nahm Unterricht bei Jean-François Lesueur und Anton Reicha. Als er sich 1826 endgültig der Musik zuwandte und offiziell am Pariser Conservatoire studierte, stellte der Vater die finanzielle Unterstützung ein.

1830 errang Berlioz nach mehreren Anläufen den begehrten Rom-Preis (Prix de Rome) und eroberte im selben Jahr mit der Uraufführung seiner „Symphonie fantastique" die europäische Musikwelt – ein Werk, das seine enttäuschte Liebe zur Schauspielerin Harriet Smithson widerspiegelt, die er 1832 heiratete. Nach einem Studienaufenthalt in der Villa Medici in Rom kehrte er nach Paris zurück und bestritt seinen Lebensunterhalt vor allem als Feuilletonist, Kritiker und Bibliothekar am Konservatorium, wo er eigentlich eine Kompositionsprofessur angestrebt hatte. Berlioz war ständig in Geldnöten und verschuldete sich wiederholt.

Ab 1842 versuchte er, durch ausgedehnte Konzertreisen nach Deutschland, Österreich, Russland und England seine wirtschaftliche und künstlerische Lage zu verbessern. In Deutschland war er seit Robert Schumanns ausführlichem Lob in der „Neuen Zeitschrift für Musik" (1835) einer breiteren Öffentlichkeit bekannt; auf seinen Reisen knüpfte er Kontakte zu Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig sowie zu Franz Liszt in Weimar. In Frankreich hingegen fanden seine Werke erst nach seinem Tod allmählich Anerkennung. Hector Berlioz starb am 8. März 1869 vereinsamt in Paris.

Werk und Bedeutung

Ausgehend von den Sinfonien Beethovens, die er als Höhepunkt der Gattung ansah, weitete Berlioz die musikalische Form mit außermusikalischen, programmatischen Vorstellungen aus und steigerte die Ausdruckskraft durch extreme Nuancierung der Instrumentation bis hin zu überdimensionalen Chor- und Orchesterbesetzungen. Damit wurde er wegweisend für Liszt, Wagner und Richard Strauss und die gesamte spätromantische Musik des 19. Jahrhunderts. Seine „idée fixe" als Mittel, die Einzelsätze eines Werkes musikalisch miteinander zu verknüpfen, gilt als Vorbild für das Wagnersche Leitmotiv.

Während seine Orchester- und kirchenmusikalischen Werke – darunter das Requiem „Grande Messe des morts" (1837) und ein dreichöriges „Te Deum" – sowie seine Ouvertüren in den Konzertsälen heimisch wurden, scheiterte Berlioz mit seinen Opern: Keine von ihnen konnte er zu Lebzeiten in Paris herausbringen. Weitreichenden Einfluss hatte er nicht zuletzt auch mit seiner Instrumentationslehre „Traité d’instrumentation et d’orchestration moderne" (1844).

Wichtige Werke (Auswahl)

  • Symphonie fantastique (1830)
  • Harold en Italie (1834)
  • Grande Messe des morts (Requiem, 1837)
  • Roméo et Juliette (1839)
  • La Damnation de Faust (1846)
  • Te Deum (1855)
  • Les Troyens (Die Trojaner, Fragmente 1859 in Baden-Baden uraufgeführt)
  • Béatrice et Bénédict (1862)